Jörg Blöming

Nordrhein-Westfalen geht einen entscheidenden Schritt, um die ambulante medizinische Versorgung langfristig zu stärken. Mit Blick auf den demografischen Wandel, den zunehmenden Fachkräftemangel und die steigenden Anforderungen im Gesundheitswesen hat das Land NRW einen umfassenden 15‑Punkte‑Plan für die ambulante Versorgung vorgelegt. Im Zentrum stehen eine verbindliche Ersteinschätzung, klare Zuständigkeiten, starke Primärversorgungspraxen und moderne digitale Strukturen, die Patientinnen und Patienten Orientierung geben und das System insgesamt effizienter machen. Der 15-Punkte-Plan ist das Ergebnis des im Sommer 2024 begonnenen Prozesses „Versorgung der Zukunft“, bei dem die ambulante gesundheitliche Versorgung in Zusammenarbeit mit den relevanten Akteuren im Gesundheitsbereich genau unter die Lupe genommen wurde.

„Wir müssen unsere ambulante Versorgung so aufstellen, dass sie auch in Zukunft zuverlässig und bedarfsgerecht funktioniert, besonders bei uns im ländlichen Raum, wo der demographische Wandelt deutlich zu spüren ist. Dazu brauchen wir klare Wege in das System und Strukturen, die nach medizinischem Bedarf steuern“, betont der heimische CDU-Landtagsabgeordnete Jörg Blöming, der auch Mitglied im Gesundheitsausschuss des Landtags NRW ist. „Mit den vorgestellten Eckpunkten schaffen wir eine moderne, patientenorientierte und zugleich praxistaugliche Grundlage, die sowohl die Menschen als auch die Leistungserbringenden spürbar entlastet und das Gesundheitssystem nachhaltig stärkt.“

Der 15‑Punkte‑Plan bündelt alle zentralen Reformthemen und konkretisiert, wie eine zukunftsfeste ambulante Versorgung in NRW organisiert werden soll:

Der Weg in die ambulante medizinische Versorgung

  1. Strukturiertes Ersteinschätzungsverfahren als Voraussetzung für die Inanspruchnahme von medizinischen Leistungen etablieren.
    Vor der Inanspruchnahme von ärztlichen Leistungen im Akutfall muss es eine verpflichtende Ersteinschätzung geben, die den medizinischen Bedarf feststellt. Das Ergebnis ist für alle Beteiligten verbindlich.
  2. Die 116117 weiterentwickeln
    Die 116 117 ist zu einer zentralen Gesundheitsplattform für Ersteinschätzung, Steuerung, Terminvermittlung und Gesundheitsinformationen weiterzuentwickeln.

Steuerung innerhalb des Systems

  1. Versorgung durch Primärversorgungspraxen gesetzlich verankern
    Um eine koordinierte Versorgung von Patientinnen und Patienten zu erreichen, bedarf es der gesetzlichen Etablierung von Primärversorgungspraxen.
  2. Definition Versorgungsauftrag der Primärversorgungspraxen
    Die Rolle und die Aufgabe der Primärversorgungspraxis müssen klar gefasst werden. Ziel ist eine umfassende und abschließende Grundversorgung.
  3. Bedarfsgerechten Zugang zu fachärztlicher Versorgung über ein Überweisungssystem sicherstellen
    Um den objektiven medizinischen Bedarf einer fachärztlichen Behandlung zu bestimmen, bedarf es einer vorherigen Einschätzung durch die Primärversorgungspraxis oder die 116 117.

Der Blick in die Praxis

  1. Bürokratieabbau für patientennahe Versorgung vorantreiben
    Ineffiziente Bürokratie muss abgebaut werden, um Ressourcen innerhalb der Praxen freizusetzen. Dazu werden auch Prozesse und Formulare standardisiert.
  2. Weiterentwicklung bestehender Praxisstrukturen und Stärkung von Teamstrukturen
    Damit die Primärversorgungspraxis als zentrale Steuerungseinheit funktioniert, braucht es eine stärker arbeitsteilige Organisation mit verschiedenen Berufsgruppen in der Praxis. Dabei sollten klare Delegationsregeln Rechtssicherheit bieten und gleichzeitig die Weiterentwicklung von Qualifikationen und Berufsbildern berücksichtigen.
  3. Etablierung von Dauerverordnungen und -überweisungen
    Um Ressourcen in den Praxen einzusparen und Patientinnen und Patienten zu entlasten, sind Verordnungen und Überweisungen insbesondere bei chronischen Erkrankungen für längere Zeiträume auszustellen. Zeitgleich müssen die Einsatzmöglichkeiten von Blankoverordnungen für diesen Anwendungsbereich ausgebaut werden.
  4. Definition und Etablierung standardisierter Versorgungspfade
    Standardisierte Versorgungspfade sind ein wichtiger Baustein zur Weiterentwicklung der ambulanten ärztlichen Versorgung im Hinblick auf Partizipation, Transparenz und Qualität. Durch klare Verantwortlichkeiten und definierte Übergabepunkte kann das Management der Schnittstellen zu anderen Leistungserbringenden positiv beeinflusst werden.
  5. Förderung digitaler Prozesse für eine patientengerechte Versorgung
    Ein Ausbau der Digitalisierung im Bereich der ambulanten Versorgung ist essentiell, um die Versorgung effizienter, patientenfreundlicher und kostengünstiger zu gestalten.

Weitere Rahmenbedingungen

  1. Schaffung verbindlicher Regelungen für alle am Versorgungsprozess Beteiligten
    Das Ergebnis der Ersteinschätzung zur richtigen Behandlungsebene (Primärversorgungspraxis, Facharzt, Notdienstpraxis, Ambulanz, Rettungsdienst) ist für Patientinnen und Patienten sowie Leistungserbringende verbindlich. Den Patientinnen und Patienten muss ein entsprechendes Versorgungsangebot unterbreitet werden.
  2. Neuausrichtung von Vergütungs- und Anreizsystemen
    Die Vergütung ärztlicher Leistungen unterstützt künftig eine arbeitsteilige Versorgung. Zudem muss sie ein adäquates Einkommensniveau sicherstellen, jedoch betriebswirtschaftliche Fehlanreize vermeiden. Auch wird sie bedarfsgerechter, unbürokratischer und weniger komplex gestaltet.
  3. Versorgung bedarfsgerecht weiterentwickeln
    Die Versorgung muss sich stärker an den medizinischen Bedarfen der Patientinnen und Patienten ausrichten – aber auch ihre Bedürfnisse müssen für eine erfolgreiche Reform Berücksichtigung finden.
  4. Gesundheitskompetenz der Bevölkerung steigern
    Um fundierte Entscheidungen für die Gesundheit treffen zu können, müssen Patientinnen und Patienten geeignete Informationen rund um die Gesundheit finden und bewerten können.
  5. Prävention stärken
    Eine Überlastung der ambulanten Versorgungsstrukturen kann am effektivsten durch wirksame Gesundheitsförderung und Prävention vermieden werden. Es müssen Maßnahmen ergriffen werden, die eine gesunde Lebensweise fördern und Risikofaktoren für chronische Erkrankungen minimieren.